Facebook und das Coolnessproblem- Laufen wirklich die jungen Nutzer davon?

In letzter Zeit hört man immer öfter von einem „Coolnessproblem“ von Facebook und dass dem sozialen Netzwerk die jungen Nutzer davonlaufen sollen. Hierzu einige Gedanken:

Warum Facebook eigentlich gar kein Brand ist

Ich teile die Meinung nicht, dass Facebook ein „Coolnessproblem“ hat, oder haben wird aus folgenden Grund: Facebook kann man meiner Ansicht nach überhaupt nicht als Brand sehen, mit welcher sich irgendeine Altersgruppe identifizieren könnte, weil Facebook eigentlich „leer“ ist. Ohne Menschen und Marken mit welchen ich mich vernetzt habe, sehe ich keinerlei Inhalte. Facebook bietet eine technische Infrastruktur, die mir ermöglicht mit meinem sozialen Umfeld zu kommunizieren und mich mit Unternehmen, Marken und Anwendungen zu vernetzen.

Wenn ich mich nur mit Atomphysikern vernetze, ist „mein Facebook“ eher ein Wissenschaftsmagazin, wenn ich mich ausschließlich mit Friseuren vernetze, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit eher lustig zugehen. Facebook bildet mir die Inhalte aus meinem normalen sozialen Umfeld/meinen Freunden/Bekannten und tagtäglichen Leben mit meinen Interessen ab. Deswegen ist es eigentlich nicht möglich, dass das für mich plötzlich weniger „cool“ werden könnte, ansonsten wäre dementsprechend mein soziales Umfeld im realen Leben ebenfalls nicht mehr „cool“. Egal welchen Beruf ich habe oder welche Lebensphilosophie ich vertrete, solange ich mich auch Facebook meinen Interessen entsprechend vernetze, ist es für mich relevant.

Vergleich mit früheren Zeiten

Meiner Meinung nach ist die Frage an die jungen Menschen, die Facebook nicht mehr cool finden sollen, falsch gestellt bzw. dürfte gar nicht gestellt werden. Man kann diese eigentlich nicht fragen, wie „cool“ sie die Infrastruktur zur Kommunikation „Facebook“ finden. Vor einigen Jahrzehnten war die übliche Kommunikationsform der Brief. Junge Menschen haben Brieffreundschaften gepflegt und damit auch geflirtet. Damals hat auch niemand gefragt „Wie cool findet Ihr die deutsche Post“.

In den 90ern gab es weder Handy, noch soziale Netzwerke, jeder Jugendliche hat nach der Schule zum Festnetztelefon gegriffen und hat ersteinmal 2 Stunden mit den gleichen Leuten telefoniert, die er eigentlich gerade erst in der Schule gesehen hatte. Auch in dieser Zeit wäre niemand auf die Idee gekommen zu fragen „Wie cool findet Ihr die deutsche Telekom?“. Wenn jemand gefragt hätte, hätte er von den Jugendlichen die Antwort „uncool“ bekommen. Trotzdem wäre niemand auf die Idee gekommen, dass plötzlich alle Jugendlichen nicht mehr telefonieren wollen.

Facebook versucht eine Technologie bereitzustellen, die die Interessen des Nutzers in den Vordergrund stellt. Das Geschäftsmodell von Facebook beruht auf einem Gedanken: Der private Nutzer muss sich wohl fühlen und für ihn relevante Inhalte sehen. Facebook weiß das und wird hier nie grobe Fehler machen. Facebook hat so viele Nutzer, dass es für alle neuen Entwicklungen auf der Plattform Splittests durchführen kann, bzw. ersteinmal die Änderungen bei einer kleinen Anzahl von Nutzern durchführen kann. Auf dieser Basis kann die Plattform genau beobachten, welche Auswirkungen welche Änderungen haben und früh erkennen, dass eine Änderungen z.B. zur Abwanderung von Nutzern führt.

Alternativen zu Facebook: Snapchat, Instagram, Albumatic, Pinterest

Die Nutzung von Alternativen zu Facebook ist meiner Meinung nach nur eine kurze Rebellion gegen das Establishment. Snapchat erfährt gerade einen kurzen Hype, weil alle Inhalte einen Selbstzerstörungsmechanismus haben. Jeder Inhalt/jede Nachricht zerstört sich nach 10 Sekunden selbst und ist nicht speicherbar. Deswegen können die jungen Leute hier flirten und etwas mutiger kommunizieren, ohne dass sie später bloßgestellt werden können. Dieser Reiz des Verbotenen ist sicherlich in jungen Jahren spannend und für eine Weile ganz unterhaltsam. Mit diesem Mechanismus ist es jedoch nicht möglich “normal” zu kommunizieren und wenn man im zunehmenden Alter seriöse Interessen entwickelt, welche eine längere Lesezeit erfordern, ist Snapchat sicher nicht mehr die erste Wahl. Davon abgesehen kann das Unternehmen ohne gespeicherte Daten sein Geschäftsmodell abseits von plumper Bannerwerbung meiner Meinung nach nur schwer monetarisieren.

Instagram, Albumatic und Pinterest funktionieren über Bilder. Den Nachteil gegenüber diesen Anbietern versucht Facebook mit seinem aktuellen Redesign wieder auszugleichen. Bei auf Bildern basierenden Social Network Plattformen fehlt meiner Meinung nach auch die Möglichkeit, mich mit meinem sozialen Umfeld über alltägliches zu unterhalten. Hier kann ich nicht den Link zum Ergebnis eines Fußballspiels veröffentlichen und mich mit meinen Freunden darüber unterhalten. Auch komplexere Inhalte wie längere Texte etc. kann ich hier nicht konsumieren. Bilder Plattformen eignen sich meiner Meinung nach nicht für den alltäglichen Gebrauch des Durchschnittsmenschen und bieten mir keinen “virtuellen Lebensraum”, wie das Facebook kann.

Martin Weigert hat auf netzwertig.com 2 gute Artikel geschrieben, die ein paar gute Argumente liefern, warum Facebook auch mit vielen Alternativen nicht vergleichbar ist und warum es auch z.B. mit Myspace nicht zu vergleichen ist: http://netzwertig.com/2013/03/14/immer-der-gleiche-hinkende-vergleich-studie-erklaert-facebook-koenne-es-ergehen-wie-friendster/

http://netzwertig.com/2012/05/22/der-populaerste-hinkende-vergleich-im-internet-warum-facebook-nicht-myspace-ist/

Mögliche Mitbewerber für Facebook

Facebook muss sich meiner Meinung nach aktuell keine Sorgen machen, dass die Nutzer davonlaufen oder dass ein Konkurrent das Ruder übernimmt. Die einzige wirkliche Gefahr in Zukunft sehe ich für Facebook darin, dass sich das Endgerät ändern könnte, mit welchem die Nutzer derzeit soziale Netzwerke nutzen, bzw. dass das zukünftige Endgerät Facebook verbannt.

Google ist kurz davor sein Project Glass auf den Markt zu bringen http://www.netzwelt.de/news/92918-project-glass-googles-augmented-reality-brille.html

Davor muss sich Google jedoch einige gute Antworten auf Kritiken zum Projekt einfallen lassen http://www.giga.de/smartphones/project-glass/news/google-glass-erste-bar-in-seattle-verbietet-datenbrille-bereits/

Angenommen das Project Glass schafft den Durchbruch und wird ein noch größerer Verkaufsschlager wie das Iphone, niemand nutzt mehr Handys, Internet-und Social Network Nutzung erfolgt weltweit größtenteils über die Googlebrille, dann besteht große Gefahr für Facebook. Selbstverständlich würde Google Facebook vom Gerät verbannen und seinen eigenen Dienst Google+ integrieren. Da in den nächsten Jahren die mobile Internetnutzung die stationäre überholen wird, könnte Facebook bei diesem Szenario in kürzester Zeit sehr viele Nutzer verlieren.

Um hier mehr Zukunftssicherheit zu erlangen, muss sich Facebook meiner Meinung nach in den Endgerätemarkt einschalten und vielleicht doch mit dem Gedanken spielen ein Facebooksmartphone oder eine Brille auf den Markt zu bringen.